Penicillin-Allergie

Ein Faktencheck

Was ist denn überhaupt eine Allergie? Sind alle unerwünschte Wirkungen nach der Einnahme eines Medikaments Allergien? Warum ist die Diagnose „Penicillin-Allergie“ problematisch?

  • Penicillin-Allergien sind die häufigsten in der Gesundheitsakte dokumentierten Arzneimittel-Allergien, aber mehr als 90 % sind ungenau oder inkorrekt
  • Nicht alle unerwünschten Reaktionen, die nach der Einnahme von Penicillin auftreten, sind allergische Reaktionen: Virale Exantheme oder nicht-allergische Nebenwirkungen können fälschlicherweise als Allergien interpretiert werden, außerdem kann eine Penicillin-Allergie mit der Zeit verschwinden.
  • Ungenaue Angaben zum Allergie-Status schränken die Auswahl an Antibiotika ein und werden auch mit schlechteren Behandlungsergebnissen im Krankenhaus, mehr Nebenwirkungen oder Infektionen mit resistenten Bakterien in Verbindung gebracht.
  • Es gibt nicht genügend Allergolog*innen, um die Penicillin-Allergie aller Patient*innen zu überprüfen.
  • Von der gezielten Überprüfung der Diagnose „Penicillin-Allergie“ profitiert daher jede*r Betroffene


Unser Ziel ist es, Ihnen dabei zu helfen, Ihr tatsächliches Penicillin-Allergie-Risiko abzuschätzen und zu entscheiden, ob es sicher ist, es zu hinterfragen oder nicht!

  • Penicilline sind eine Klasse von Antibiotika, die wiederum zu einer größeren Gruppe, den Beta-Laktam-Antibiotika, gehört
  • Zu den Penicillinen gehören viele häufig verwendete Substanzen wie Amoxicillin, Penicillin G, Ampicillin, Piperacillin oder Flucloxacillin.
  • Diese Antibiotika werden häufig zur Behandlung von vielen unterschiedlichen Infektionen wie z.B. Infektionen der Atemwege, Harnwegsinfektionen, sexuell übertragbaren Infektionen und Infektionen des Ohrs oder der Mundhöhle eingesetzt.
  • Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Penicillin-Allergie vererbt wird.
  • Wenn ein Familienmitglied eine Penicillin-Allergie hat, bedeutet das NICHT, dass Sie auch betroffen sind oder dass Sie ein höheres Risiko dafür haben!

Eine Allergie ist eine Art von unerwünschter Reaktion. Sie entsteht, wenn das natürliche Abwehrsystem des Körpers auf normalerweise unbedenkliche Fremdstoffe reagiert. In diesem Fall: den Arzneistoff. Die Symptome dieser „Überreaktion“ sind vielfältig und können unterschiedlich schwer sein. In manchen Fällen werden Antikörper vom IgE-Typ gebildet. Diese Antikörper sind speziell auf ein Allergen (den Arzneistoff) ausgerichtet. Die meisten Menschen reagieren auf Allergene, denen sie in der Vergangenheit ausgesetzt waren. Diese Reaktionen setzen in der Regel relativ schnell (meistens innerhalb von einer Stunde) ein und werden daher als Reaktion vom Soforttyp bezeichnet. Sie betreffen oft die Haut mit Nesselsucht (Quaddeln, Rötungen und Juckreiz) oder führen zu Schwellungen im Gesicht (Lippen, Augen) und der Atemwege. In seltenen Fällen können allergische Reaktionen zu einer (möglicherweise lebensbedrohlichen) Anaphylaxie führen. Sehr viel häufiger sind Reaktionen vom Spättyp, die nicht durch Antikörper, sondern durch T-Zellen ausgelöst werden. Diese Reaktionen treten in der Regel erst mehrere Tage nach Einnahme des Allergens (z.B. dem Arzneistoff) auf und verlaufen üblicherweise sehr viel milder als Reaktionen vom Soforttyp. Typisch für diese Art der Reaktion ist ein fleckiger Hautausschlag v.a. am Rumpf, der dem Ausschlag bei einer Masern-Infektion erinnert (makulopapulöses Exanthem). Sehr selten treten schwere verzögerte allergische Reaktionen auf, die mehrere Organe betreffen und gefährlich sein können, dazu gehört z.B. das Stevens-Johnson Syndrom.

  • Nicht-allergische Nebenwirkungen sind weitaus häufiger als allergische Reaktionen. Arzneimittelallergien machen nur 5-10 % aller Nebenwirkungen aus!
  • So können beispielsweise viele Antibiotika den Darm reizen und Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall hervorrufen. Diese Symptome sind in den allermeisten Fällen nicht auf eine Allergie zurückzuführen!
  • In Studien haben sich über 90 % der in der Patientenakte aufgeführten Penicillin-Allergien als inkorrekt oder ungenau erwiesen.
  • Darüber hinaus verschwinden etwa 80 % der Penicillin-Allergien innerhalb von 10 Jahren.
  • Eine falsch dokumentierte Penicillin-Allergie bedeutet:
    • Die Ärzt*innen können Ihnen nicht die optimalen Antibiotika verordnen und müssen stattdessen auf Medikamente der zweiten Wahl zurückgreifen. Dies kann zu schlechteren Behandlungsergebnissen, mehr Nebenwirkungen oder Infektionen mit resistenten Bakterien führen.
    • Die fälschlicherweise bestehende oder möglicherweise zu unrecht bestehende Angabe "Penicllin-Allergie" wird mit einem längeren Krankenhausaufenthalt, höheren Arzneimittelkosten und einer höheren Sterblichkeit im Krankenhaus in Verbindung gebracht.


Die Angabe „Penicillin-Allergie“ aus Ihrer Akte zu entfernen kann Ihre persönliche Gesundheit UND die öffentliche Gesundheit verbessern!

  • Meistens wird eine Penicillin-Allergie zunächst mit einem Hauttest getestet. Dieser wird von Allergolog*innen durchgeführt. Wenn der Hauttest negativ ist, wird ein sog. Provokationstest durchgeführt. Dazu wird das Arzneimittel, das die Allergie auslöst, unter Überwachung eingenommen. Der Provokationstest ist der Goldstandard für die Sicherung und den Ausschluss der Diagnose einer Allergie! Meistens wird eine Penicillin-Allergie zunächst mit einer Testung im Blut und/ oder einem Hauttest getestet
  • Bei Personen mit geringem Risiko für eine echte Penicillin-Allergie hat sich ein direkter oraler Provokationstest ohne vorangegangenen Hauttest als sichere und zuverlässige Testmethode erwiesen:
    • Der orale Provokationstest muss unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, da eine echte Allergie zu einer anaphylaktischen Reaktion führen kann, die eine Notfallversorgung erfordert.
    • Der Test besteht aus der Einnahme einer Standarddosis Amoxicillin oder Penicillin, gefolgt von einer Beobachtungsphase, um sicherzustellen, dass keine Reaktion auftritt.
    • Wenn Sie ein hohes Allergierisiko haben, aber Penicillin benötigen, kann Ihr Arzt Sie an Allergolog*innen überweisen, der Sie desensibilisieren kann (dies unterscheidet sich von einer oralen Testung).
  • Ein positiver Test bedeutet, dass Sie auf Penicillin allergisch sind.
  • Sie sollten Antibiotika aus der Gruppe der Penicilline weiterhin meiden.
  • Geben Sie die Allergie und die Art der allergischen Reaktion im Rahmen von Gesundheitsversorgungen (Arzt/Ärztin, Pflege, Apotheke, etc.) an.
  • Notieren Sie sich, auf welche Substanzen genau Sie allergisch reagiert und welche Sie gut vertragen haben. Stellen Sie diese Informationen Ihren behandelnden Ärzt*innen zur Verfügung
  • Falls Sie vor vielen Jahren einen positiven Test hatten und Sie Penicilline benötigen, besprechen Sie Ihre Allergie mit einem Spezialist*in. Abhängig von der Anamnese können die Tests wiederholt werden um herauszufinden ob Sie noch allergisch sind.
  • Lassen Sie sich einen Allergie-Pass ausstellen.
  • Welche Antibiotika für Sie in Frage kommen, sollten Sie mit ihrem/ ihrer Behandler*in klären.